Buchdruck in der Frühen Neuzeit

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Wie die Erfindung Gutenbergs das Wissen und die Wissenschaft veränderte.

Im Sommersemester besuchte ich das Proseminar »Wissen und Wissenschaft in der Frühen Neuzeit«. In einer Arbeit habe ich mich dann gezielt mit dem Wandel des Wissens, ausgelöst durch den Buchdruck, auseinandergesetzt. Die Arbeit verfolgte den Weg von der Buchmalerei zum industriellen Buchdruck. Dabei liess ich die Reformation völlig aus. Dieser Teilaspekt alleine hätte eine Proseminararbeit füllen können. Hier in diesem Text finden Sie nun eine kurze Zusammenfassung der Arbeit, wobei ich auch hier einige Punkte der Proseminararbeit ausgelassen habe. So beispielsweise die Erfindung selbst. Ich gehe also weder auf die Vorgeschichte des Buchdrucks und die Erfindung durch Johannes Gutenberg, noch auf die Person selbst ein.

Meine Kernthese war, dass sich Wissen von einem aktiven, praktischen und oral vermittelten zu einem passiven, auf der Literatur basierenden Wissen wandelte, welches einen schnelleren Zugang und eine bessere Speicherung ermöglicht und unbegrenzte Wissensbreite birgt.

Buchproduktion und Wissen (aufgebaut durch die Wissenschaft, zusammengesetzt aus Information, durchgesetzt durch die Verschriftlichung und die Alphabetisierung, vermittelt und gespeichert in einem Wissensträger (dem Buch) und vergrössert durch den Buchdruck) haben sich seit der Erfindung des Buchdruck enorm verändert. Gutenberg schaffte es mit seiner Erfindung selbst nicht zum Durchbruch, das Medium Buch hingegen schon. Es benötigte allerdings den richtigen gesellschaftlichen Nährboden: Ein ansteigendes Fernhandelssystem, die Bürokratisierung des Städte- und Staatswesens vergrösserte die Nachfrage auf vorgedruckte Papiere. Anfänglich hohe Investitionen, welche auf die Drucker zukamen, konnten, durch die Verteilung der Herstellungskosten auf eine grosse Druckauflage, ausgeglichen werden.

Nachdem die Kirchenliteratur durch den Abdruck altbekannter Werke abgedeckt war, kamen neuartige Schriften heraus, die sich am ehesten mit moderner Sach- und Fachliteratur vergleichen lassen. Ebenso wandelte sich – mit der Verschriftlichung in einem ersten und mit dem Buchdruck in einem zweiten Schritt – die Wissensvermittlung. Hatte man anfänglich auf oraler Basis Wissen von einer auf die nächste Person weitergegeben, so zählte jetzt die Schrift als Wissensträger, -speicher und -vermittler. Der Buchdruck löste die zeitlichen und geographischen Grenzen der Wissensaneignung auf und wirkte somit als Katalysator auf die Bildung. Man könnte von einer wissenschaftlichen Revolution sprechen, da der Mensch und damit die Oralität als direkter Wissensvermittler durch das Buch und die Schriftlichkeit abgelöst wurden. Diese Ablösung fand zwar bereits vor der Erfindung des Gutenberg’schen Druckverfahrens statt. Durch die Möglichkeit des Buchdrucks, in kurzer Zeit in hoher Auflage Bücher zu produzieren, wurde dieser Prozess jedoch verschnellert.

Einhergehend mit diesem Fortschritt ändert sich die Wissenschaft von einer privaten, persönlichen, Geheimnis erfüllten zu einer öffentlichen, für das Gemeinwohl wichtigen Wissenschaft. Erstentdeckungen gewannen an Bedeutung und ermöglichten einen wissenschaftlichen Wettbewerb. Das Medium Buch erlaubte nun eine bessere Speicherung; durch die grosse Auflage wurde die Eventualität auf Verlust von Wissen minimiert. Einheitliche Darstellungsformen, Normen und Wiederholbarkeit entstanden durch den Buchdruck, was auch eine neue Ordnungsform und eine Systematisierung der Wissenschaft mit verbesserten Methoden, ebenfalls verbunden mit Wiederholbarkeit (hier die Wiederholbarkeit von Experimenten), nach sich zog. Das Wissen wurde in der Folge institutionalisiert. »Hauptinstitution« im Zusammenhang mit der Wissensvermittlung, -erweiterung und -speicherung wurde die Universität mit ihren Sammlungen, Bibliotheken und einer dazugehörigen Autorenschaft.

Literaturverzeichnis (es gibt Überschneidungen mit der Literaturliste von Peter Haber):

  • Burkhardt, Johannes: Das Reformationsjahrhundert. Deutsche Geschichte zwischen Medienrevolution und Institutionenbildung 1517–1617, Stuttgart 2002.
  • Giesecke, Michael: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, Frankfurt am Main 2006 (Vierte Auflage).
  • Giesecke, Michael: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie, Frankfurt am Main 2002.
  • Janzin, Marion; Güntner, Joachim: Das Buch vom Buch. 5000 Jahre Buchgeschichte, Hannover 2007 (Dritte Auflage).
  • Ludwig, Otto: Geschichte des Schreibens. Von der Antike bis zum Buchdruck (Band 1), Berlin 2005.
  • McLuhan, Marshall: Die Gutenberg Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Toronto 1962 (Deutsche Übersetzung: Düsseldorf – Wien 1968).
  • McLuhan, Marschall: Die magischen Kanäle. Understanding Media, Toronto 1964 (Deutsche Übersetzung: Düsseldorf – Wien 1968).
  • Schindling, Anton: Bildung und Wissenschaft in der Frühen Neuzeit 1650–1800, München 1994.
  • Scholz, Günter; Masek, Petr (Hrsg.): Mit Gutenberg fing es an. Die Medienrevolution verändert die Welt, Böblingen 2005.
  • Van Dülmen, Richard; Rauschenbach, Sina (Hrsg.): Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft, Köln – Weimar – Wien 2004.