HSK-Buchpreis

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Neuere Geschichte (langes 19. Jh.)

Eigentlich sind es alte Hüte: Militarismus, Max Weber, ostelbische Junker, Wirtschaft und Politik, Deutschland in der Welt. Erst auf den hinteren Rängen dieser Kategorie folgen ein außerdeutscher Titel und zwei Bücher, die in Ansatz und Thematik den Diskursraum verlassen, den die politische Pubizistik seit 1900 und die Geschichtswissenschaft seit der Weimarer Republik für das 19. Jahrhundert im Allgemeinen und das Kaiserreich im Besonderen abgesteckt haben. Hat die Historiographie nichts Neues zu vermelden aus dem für die Moderne formativen langen 19. Jahrhundert?

Doch. Die Spitzentitel der Preisliste bearbeiten mit neuen theoretischen Zugriffen und neuen Quellen ein an sich bekanntes Thema so, dass das bis dahin Geschriebene auf einmal traditionell erscheint. Wer Patrick Wagners Buch gelesen hat, wird Ostelbien nie wieder so sehen können wie zuvor. Joachim Radkau zerlegt das Gefühls- und Liebesleben von Max Weber und erntet dabei (erwartungsgemäss) von Seiten der Soziologie nicht nur Lob, wie ein Blick in verschiedene Rezensionen zeigt. Und Isabel Hull verknüpft unter dem Leitbegriff der "Military Culture" den Krieg von 1870/71, die deutschen Kolonialkriege und den Ersten Weltkrieg so miteinander, dass argumentative Neuansätze für jedes der drei Themenbereiche wie für die Kaiserreichdeutung insgesamt entstehen. Diese Leistung haben die Juroren mit dem ersten Platz belohnt.

Isabel Hull beginnt ihr Buch entgegen der Chronologie mit der "suppression of the Herero and Nama Revolts in German Southwest Africa from 1904 to 1907" (S. 5). In Einklang mit neueren Trends nimmt sie damit die Kolonialgeschichte als Teil der Geschichte der europäischen Staaten ernst. Doch während etwa Jürgen Zimmerer nach den Effekten kolonialer Erfahrungen fragt und Linien von den Kolonien in die deutsche Geschichte hinein zieht, die bis in die NS-Zeit laufen, rahmt Hull die Kolonialgeschichte europäisch ein. Militärische Logiken, die auf den Erfahrungen des deutsch-französischen Krieges beruhten, konnten im kolonialen Feld ausgelebt werden, mit fatalen Folgen für die indigene Bevölkerung. Für Deutschland selbst führte die durch die Kolonialkriege weiter verstärkte "military culture" im Ersten Weltkrieg in die Katastrophe.

Hulls zentrale Argumentationsfiguren entstehen aus der Kombination von Militärgeschichte, Organisations- und Kultursoziologie sowie politischer Strukturgeschichte der Wilhelminischen Zeit. "This is a study of institutional extremism", lautet der erste Satz. Hull setzt nicht auf Ideengeschichte, sondern auf Selbst- und Weltwahrnehmung eines Militärsystems, das aufgrund des deutschen politischen Systems kaum eingehegt war. Im Herzen des Buches steckt Organisationskultur - wie bei den anderen beiden Spitzentiteln ist es nicht das radikal Neue, sondern die kluge Verbindung von Forchungs- und Theoriegeschichte mit aktuellen Trends, die die Innovation ausmacht.

Wer kam nicht aufs "Treppchen"? Der Sammelband von Jürgen Osterhammel und Sebastian Conrad "Das Kaiserreich transnational" hat auch über die Grenzen des Faches hinaus Beachtung gefunden. In gut einem Dutzend Aufsätzen experimentieren die 16 Autoren und die einzige Autorin des handlichen Büchleins mit dem Konzept transnationaler Geschichte. Unter transnational verstehen die Herausgeber "einen pragmatischen Ansatz, hinter dem weder eine ausgearbeitete Theorie noch eine besondere Untersuchungsmethode stehen" (S. 14). Unter dem Stichwort "transnational" lässt sich auch Cornelius Torps Dissertation einreihen; Torp geht der Frage nach "ob und wie die voranschreitende weltwirtschaftliche Intergration die Rahmenbedingungen und Handlungsmöglichkeiten der deutschen Politik vor dem Ersten Weltkrieg veränderte" (S. 15). Auch Porter setzt sich für seine Untersuchung über "The Absent-Minded Imperialists" einen transnationalen Rahmen, wobei ihn aber letzlich die Frage interessiert, ob eine imperiale Nation - gemeint ist hier die britische - notwendigerweise eine imperiale Gesellschaft hervorbringen muss. Gerade hier drängen sich Parallelen zur Untersuchung von Isabel Hull auf, auch wenn der Fokus nicht der gleiche ist. An das von Hull angeschlagene Thema kann auch das nun edierte Tagebuch des Mädievisten Karl Hampes anschließen, das er während des Ersten Weltkrieges geführt hat. Hampe gewährt uns einen ziemlich genauen Blick in die Innenwelt der damaligen Zivilgesellschaft (die gar nicht immer so zivil war).

Bleiben noch zwei "Aussenseiter" in der Preisliste und der Versuch, ein Fazit aus den diesjährigen Ergebnissen zu ziehen: Ein Aussenseiter gleich in mehrfacher Hinsicht in unserer Liste ist Alain Desrosières, denn erstens ist er der einzige Frankophone, der es in die Liste geschafft hat, und zweitens betreibt er Wissenschaftsgeschichte - ein Fach, das im deutschen Sprachraum offenbar noch immer eine Randexistenz zu führen hat. In seiner "Politik der grossen Zahlen" geht er auf originelle Art und Weise der höchst komplexen und einflussreichen Geschichte der statistischen Denkweise nach - ein Buch, das im Original bereits 1993 erstmals erschien ...

Ebenfalls an den Rand gedrängt ist im deutschen Sprachraum die Erforschung der Geschichte der Männlichkeit, der Jürgen Martschukat und Olaf Stieglitz eine breit angelegte Einführung gewidmet haben. Männlichkeitesgeschichte ist immer noch eine zumeist belächelte Abart der "Gender Studies", die ihren Attraktivitätszenit wohl auch schon seit einiger Zeit überschritten haben dürfte. Die Erforschung der Männlichkeit bietet so gesehen eines der letzten Felder für wirkliche Neuentdeckungen.

So hinterlässt die diesjährige Liste einen durchaus uneinheitlichen Eindruck. Die "schrägen" Titel liegen eher hinten. Den Gewinnern sieht man die Innovation erst auf den zweiten Blick an. Das 19. Jahrhundert, das Jahrhundert der Nationalstaaten und der Etablierung nationaler Geschichtsschreibungen, lebt auch in Deutschland geschichtswissenschaftlich noch aus nationalen Traditionen. An den Reibungsflächen zwischen Tradition und transnationaler, kulturgeschichtlicher oder "Gender Studies" Innovation entstehen die Funken.

Ewald Frie (Essen) und Peter Haber (Basel)

Bibliographische Angaben (in alphabetischer Reihenfolge)