Medien der Geschichte 10.03.2008

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Texte

Schema zu Andreas Käuser

Digitaler (2000) Medienumbruch Semantik Teleologisches Modell Archäologisches Modell
Ursache-Wirkung Problem Epistemologie Ratio/Vernunft; Zweck-/Finalitäts-Modell Diskontinuität
Diskursiv Begrifflichkeit Vernunftbegriffe; klare Abgrenzung Unscharfe Begriffe od. operationale Begriffe; Produktion von Metaphern
Neue Art von Quellen Quellen Schrift; Buch. Bibliothek Dispositiv – Archiv; Ensemble (Foto, Film etc.)
Körper haben Geschichte Körperlichkeit Ausschluss des Körpers Anhand von Körper wird Geschichte geschrieben (z.B: Biomacht)
Fortschreitend + zyklisch Zeitlichkeit Status des „Neuen" als ’Beleg’ des Fortschritts. Status des „Neuen" Wiederkehr, Serialität etc.

Schema zu Helmut Schanze

Name Modell Medium-Begriff Status
Neu"
Spezifisches
Technikgeschichte Teleologisches Modell Apparate Innovation durch Apparate Partikulargeschichten
Modernitätsgeschichte dito Organisation Modernisierung durch neue Institutionen Selbstreferenzialität
Avantgardegeschichte Diskontinuität Materialität der Medien Visionen Geschichte des ’Einzigartigen’
Antigeschichte der Alteritäten dito Radikale Medienkritik Der verlorene Körper Integrale Geschichte; Universalgeschichte



Thesen

Käuser

  1. Der Epochenbruch zu modernen Gesellschaften ist wesentlich ein Medienbruch.
  2. Die Materialität der Medien ist für Geschichte konstitutiv.
  3. Der Übergang von analogen zu digitalen Medien als Kennzeichnung des Medienumbruchs um 2000 ist nicht als Ersetzung sich ausschließender Leitmedien zu verstehen, sondern als multimediale Konvergenz hybrider Formen sowie als Möglichkeit der digitalen Aufbewahrung älterer analoger Medien.
  4. Durch den digitalen Medienumbruch wird das zyklische Modell ebenso stark profiliert wie das teleologische. Um dieser Tatsache zu entsprechen, muss eine „integrale Mediengeschichte“ geschrieben werden.

Schanze

  1. „Antigeschichte der Alteritäten“ ist Mediengeschichte als Universalgeschichte.
  2. Eine Mediengeschichte der Diskontinuitäten nimmt in die Form ihrer Darstellung auf, was in der Mediengeschichte selber als Medienumbruch erscheint.
  3. Ein Medium hat nie ein früheres ersetzt, allerdings ist kein Medium dasselbe geblieben in einer neuen Medienkonstellation.

Diskussion

Beide Autoren sind sich einig, dass eine allgemeine Geschichtsschreibung die Geschichte der Medien(um)brüche sei. Beide meinen, dass die adäquate Darstellungsweise der Diskontinuität eine Geschichtsschreibung ist, die Metaphern statt Begriffe, Essays statt Erzählung, Fragment statt Zusammenhang aufweist. Metaphern, Essays, Fragment sind Elemente respektive Schreibweisen, die gewöhnlich im Kontext des Schreibens als Kunst und im Kontext der Rhetorik angesiedelt werden, doch in der Wissenschaft zu vermeiden wären.

Frage

Foucaults Projekt war, die Bedingungen der Möglichkeit der Wandel aufzuzeigen, er entwickelte verschiedene Werkzeuge, um seine Analysen vorzunehmen. Genügt es demzufolge, dass Geschichtsschreibung mit einem ‘ästhetischen Stil‘ strukturell ein Abbild der Geschichts-Geschehen anfertigt, wie Käuser und Schanze es vorschlagen? Verlangt z.B. das digitale Zeitalter nicht vielmehr neue ‘Werkzeuge‘ der Analyse?

Michel Foucault

Man führt in die historische Analyse Formen von Beziehungen und Zusammenhängen ein, die weit über das universelle Kausalverhältnis hinausgehen, das als Definitionsmerkmal der historischen Methode galt. So hat man erstmals die Möglichkeit, Dinge zum Objekt der Analyse zu machen, die im Laufe der Zeit in Gestalt von Zeichen, Spuren, Institutionen, Praktiken, Werken usw. abgelagert worden sind. (Dits et Ecrits Schriften, Bd. 1, Kapitel 1976; §48).

Diskussion

M.E. thematisieren beide Autoren einen wichtigen Aspekt in ihren Aufsätzen nicht. Die Frage nach Medialität und Medien ist auch immer die Frage der Repräsentation. Jedes Medium hat eine spezifische Weise des Repräsentieren-Könnens. Wenn Geschichtsschreibung auf dem archäologischen Modell basiert, dann gibt es nicht eine „wahre“ und eine „dargestellte“ Geschichte. Sondern dann gilt es, die „‘Gesamtheit der Regeln‘ anzugeben, die in einer bestimmten Epoche und für eine bestimmte Gesellschaft die Grenzen und Formen der Sagbarkeit“ und Darstellbarkeit zu definieren“ (Foucault-Lexikon 2007).

Frage

In diesem Sinne stellt das „Digitale Zeitalter“ uns vor ganz neue ‘Regeln‘. Denn es scheint, dass es im „Digitalen Zeitalter“ keine Grenzen und Formen der Sagbarkeit und Darstellbarkeit gibt. Oder gibt es auch in diesem Zeitalter Grenzen? Wenn ja, wo und/oder wie könnten diese aufgespürt werden?

Weitere Fragen

  • Ist angesichts der weltweiten Vernetzung eine „integrale“ bzw. allgemeine Geschichtsschreibung möglich?
  • Käuser scheint sich unter „integrale Geschichte“ eine Geschichte vorzustellen, die sowohl ausschließend als auch einschließend ist; sowohl fortschreitend als auch zyklisch, seriell etc.; sowohl Kausal-Wirkung-Geschichte als auch Regelhaftigkeit; sowohl Diskontinuität als auch Kontinuität. Wie muss man sich so was vorstellen?

Begriffe

  • Ruoff, Michael. „Foucault-Lexikon“. Wilhelm Fink Verlag. Paderborn 2007

Archäologie

Foucault hat das Wort „Archäologie“ anstelle von Geschichtsschreibung gebraucht, um seine Vorgehensweise von der Geschichtsschreibung abzugrenzen. Er wollte keine Epistemologie betreiben, also eine interne Analyse der Struktur der Wissenschaft, aber auch z.B. keine Geschichte der Ideen oder Erfindungen.

  • Archäologie bezeichnet die Methodik, die bei einem bestimmten Wissen nach den Bedingungen seines Auftretens und Entstehens fragt.
  • Archäologie zu betreiben, heißt eine Beschreibung des Archivs aufzustellen. Das bedeutet die ‘Gesamtheit der Regeln‘ anzugeben, die in einer bestimmten Epoche und für eine bestimmte Gesellschaft die Grenzen und Formen der Sagbarkeit definieren.

Serielle Geschichte

  • Lehnt die Suche nach dem Ursprung ab und setzt an dessen Stelle die Regelhaftigkeit (Regelhaftigkeit ist nicht Gesetz/keine Monokausalität).
  • Geschichte der Veränderung und des Ereignisses.
    • Methode: Beschreibung der vollständig erfassten Ereignisse.
    • Ausgangspunkt bilden niemals epochale Zusammenhänge, von denen aus die Geschichte als Kontinuum entfaltet wird.
      • Feinarbeit, die auch die vermehrte Bildung von Diskontinuitäten akzeptiert.

Bericht

  • Sitzungsbericht vom 10. März 2008

Die zwei Texte von Andreas Käuser und Helmut Schanze, die wir heute besprochen haben, stellte uns Daniell' Ficola vor. Zentrales Thema beider Texte ist die integrale Geschichtsschreibung, d.h. eine allumfassende Historie. Damit stellen sie die Bedeutung der Medien für die Geschichtsschreibung in den Vordergrund. Beide Autoren sind sich darin einig, dass eine umfassende Geschichte zu schreiben bedeute, eine Geschichte der Medien(um)brüche zu schreiben. Käuser stellt die Bedeutung der Medien in den Vordergrund. Dies tut er, indem er dem teleogoischen Denkmodell das archäologische gegenüberstellt und aus der Perspektive des "digitalen Medienumbruch" (2000) analysiert. Schanze hat ein eigenes Modell entwickelt, das er in vier Teilbereiche gliedert: Auf der einen Seite Technik- und Modernitätsgeschichte im Sinne eines teleologischen Modells, und auf der anderen Seite die Avantgardegeschichte und die Antigeschichte der Alteritäten, die sich durch Diskontinuität auszeichnen.

Die Geschichtsschreibungen beruhen dabei auf verschiedenen Medienbegriffen (Apparate, Organisation, Materialität der Medien und eine radikale Medienkritik). In der klassischen Technikgeschichte ist die Innovation von Apparaten ein „neuer“ Status. Anschaulich zeigt dies das Zitat aus dem Text von Helmut Schanze (S. 196): „Die Anwendung auf den gegenwärtigen Status der Mediengeschichtsschreibung liegt – so darf man wohl sagen – auf der Hand. Medien gehen, so beschreiben das die Technikgeschichten, stets aus von technischen Innovationen, von „Erfindungen“. (...) Ihre Symbole sind die jeweils neuesten „Apparate“.“ An der ETHZ wird Technikgeschichte kulturell verstanden oder betrieben. So möchte man die Alltagswelt der Menschen stets in Verbindung mit den technischen Möglichkeiten und Erneuerungen bringen. Wenn man die menschliche Lebenswelt untersucht, bedeutet dies, – um es konkreter zu sagen – Verbindungen zu den technischen Möglichkeiten herzustellen.

Es konnte aufgedeckt werden, dass Geschichte auch diskursiv stattfindet. Ebenfalls ist die Materialität der Medien für die Geschichte konstitutiv. Beide besprochenen Autoren sind sich darin einig, dass ein Umbruch stattgefunden hat. Es handelt sich um ein grosses Sonderforschungsprojekt, das auf einen längeren Zeitraum ausgelegt ist. Interessant ist vor allem, dass Käuser als Historiker mit der Geschichtstheorie operiert, während sich Schanze als Germanist aus der Sicht der Literaturwissenschaften auf das Thema der Mediengeschichte eingelassen hat. Beide Autoren korrespondieren eng miteinander. Ausgehend von diesem Umstand begann Daniell' die Diskussion mit der Frage, ob Metaphern als Norm für eine neue Mediengeschichtsschreibung eine Berechtigung haben. Der heutige Medienumbruch von 2000 soll mit dem Wandel um 1900 verglichen werden. Es ist deswegen interessant, die Frage aufzuwerfen, die bisherige Geschichtsschreibung völlig neu zu überdenken oder ganz neu zu schreiben, was zur Folge hätte, dass die bisherige Geschichtsschreibung völlig auf den Kopf gestellt würde. Die Geschichte verläuft in Brüchen und diskursiv, es gibt also eine neue Geschichtsschreibung.

Eine Lösung für dieses Problem wäre, was in der Diskussion angesprochen wurde, jedes Mal ein neues Werkzeug bereitzustellen, wenn man ein neues Thema angeht. Dies würde natürlich eine neue Analyse der Werkzeuge erfordern. Dann wurde in der Diskussion die Frage aufgeworfen, ob Geschichtsschreibung einen künstlerischen und ästhetischen Hintergrund haben darf, und wenn ja, zu welchem Preis. Diese Frage lässt sich besonders gut am Beispiel eines breiten Mediums beantworten: der historische Spielfilm. Einigkeit herrschte darüber, dass Spielfilme mit historischem Hintergrund grundsätzlich einen völlig anderen Anspruch stellen als rein historische Quellen. Spielfilme wollen Identität und Erinnerung für oder an Geschichte schaffen, während historische Quellen Authentizität vermitteln wollen. Ein Film kann vielleicht nicht als Quelle herangezogen werden, man greift eher auf versierte Literatur zurück. Geschichtsschreiber sind auch Identifikatoren über Vergangenes.

Unterhaltung im Film ist eine Erinnerung in entspanntem Rahmen und korrespondiert auch mit dem Alltagsleben. Es stellen sich verschiedene Ansprüche. Wie wird Geschichte verstanden? Man will Vergangenheit verstehen und Geschichte weiterleben. Geschichte kann daher auch unterhaltend sein. Spielfilme sind für die Geschichtsbildung vieler Menschen wichtig. Doch muss man anfügen, dass es bei vielen medialen Darstellungsformen wie auch im Film Unsicherheiten gibt. Mit Multimedia erreicht man ein breiteres Publikum, ein wissenschaftliches Buch ist fundierter und erreicht „nur“ ein „Fachpublikum“. Die Frage nach dem Zielpublikum ist aber nicht eindeutig zu beantworten.

Letztendlich bleibt für eine authentische Geschichtsschreibung nur der klassische Text, also das Buch, weil gerade multimediale und interaktive Medien meistens ein anderes Publikum ins Auge fassen. Zwar kann der Anspruch auch in multimedialen Medien wissenschaftlich sein, allerdings gibt es grosse Differenzen in der Realität. Das Buch dagegen kann als Medium von den Menschen genau eingeordnet werden. Das Buch als Medium kann sehr breit eingesetzt werden und liefert uns sozusagen ein System von qualitätssichernden Massnahmen, die uns allen bekannt sind. Hinter dem Medium Buch lernen wir ein System kennen, weil hinter dem Buch die ganze Verlagsarbeit steckt.

Zürich, im März 2008, Daniel Trüb.