International Music Score Library Project (IMSLP)

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Konzept und Ziele

Das International Music Score Library Project (IMSLP) ist ein wiki-basiertes Vorhaben zum Aufbau einer virtuellen Spezialbibliothek für gemeinfreie Musiknoten. Es teilt die Ideale der Free Sheet Music-Bewegung, welche für die kostenlose Nutzung gemeinfreier Musikalien einsteht. IMSLP beruht auf der Idee, dass Benutzer ihre persönlichen Notenbestände einscannen und in dieser Form der Gemeinheit zur Verfügung stellen.

Das IMSLP vermittelt in erster Linie Scans alter Noteneditionen, deren Urheberrechtsschutzfrist abgelaufen ist und somit in der Public Domain sind. Nebenbei bietet es auch Notenmaterial von Komponisten, die ihre Werke unter einer Creative-Commons-Lizenz kostenlos verfügbar machen wollen.
Erster thematischer Schwerpunkt bildete die systematische Gliederung und Bereitstellung der vollständigen Werke Johann Sebastian Bachs in der Ausgabe der Leipziger Bach-Gesellschaft („Alte Bach-Ausgabe“). Auch das Gesamtwerk von Frédéric Chopin wurde fast vollständig aufbereitet.

Neben der eigentlichen Notendatenbank bietet IMSLP Zusatzinformationen von musikwissenschaftlichen und musikpraktischen Nutzen. Strukturierte Informationsfelder verzeichnen werkspezifische Angaben zu Komponist, Kompositionsjahr, Jahr des Erstdrucks, Besetzung, Gattung, Form sowie Hinweise zu Satzbezeichnungen, Textdichter, Librettist etc. Ferner enthalten sie bibliographische Daten zu den gescannten Editionen beispielsweise Herausgeber, Impressum, Kollation, Plattennummer, Ausgabeform etc. Werkspezifische Diskussionsseiten ermöglichen den musikalischen Gedankenaustausch. Hier finden sich kompositionsbezogene Beiträge wie Werkanalysen, Literaturhinweise, Gesangtexte, Einführungstexte für Programmhefte usw.
Ein allgemeines Diskussionsforum fördert die Auseinandersetzung mit allgemeineren Themen rund um ISMLP.

Geschichte

Das International Music Score Library Project hat sich rasch als meistbeachtetste und grösste Online-Sammlung kostenloser Musiknoten in der Public Domain etabliert. Es wurde am 16. Februar 2006 vom kanadischen Student Xiao-Guang Guo (Screenname Feldmahler) gestartet. Gehostet wird die Datenbank auf zwei Servern in Kanada und den USA. Binnen eines Jahres umfasste die Notenbank von IMSLP über 3'000 Partituren, ein Vierteljahr später bereits 5'000. Der Notenbestand wuchs täglich um rund 24 Partituren, so dass Anfang Oktober 2007 über 8'000 Werke von mehr als tausend Komponisten in gut 15'000 Partituren angeboten werden konnten.

Am 16. Oktober 2007 sistierte der IMSLP-Gründer das Projekt abrupt, nachdem ihm der Wiener Musikverlag Universal Edition über eine kanadische ANwaltskanzlei ein Abmahnungsschreiben (Cease & Desist letter) hatte zukommen lassen. In dieser Unterlassungsanordnung forderte der Verlag unter Androhung juristischer Konsequenzen die Einhaltung nationaler Urheberrechte oder die Einstellung des Online-Angebots.
Universal Edition sieht durch etliche IMSLP-Dokumente sein Copyright verletzt. Hintergrund bilden unterschiedliche Urheberrechtsregelungen in Kanada und Europa. In Kanada verfallen die Rechte von Komponisten 50 Jahre nach deren Tod, in Österreich erst 70 Jahre nach Ableben. Mehrfach hatten Freiwillige des IMSLP in voller Übereinstimmung mit kanadischem Recht gemeinfreie Noten von Komponisten online gestellt, die vor mehr als 50 Jahren, aber noch keine 70 Jahre verstorben sind. Mit Verweis auf das österreichische Urheberrecht reklamiert Universal Edition nun die Wahrung seiner Rechte in Europa für Komponisten wie Bela Bartók, Arnold Schönberg oder Richard Strauss, deren Tod noch keine 70 Jahre zurückliegt. Als mögliche Lösung hat Universal Edition den Einsatz IP-orientierter technischer Filter vorgeschlagen, um Europäern den Zugriff auf strittige Files zu verunmöglichen. Feldmahler alias Xiao-Guang Guo sieht sich mangels finanzieller Ressourcen indes ausserstande, solche Filter zu installieren oder auf rechtlichem Weg gegen die Forderung vorzugehen (s. Open letter). Ihm blieb nichts anderes übrig, als das IMSLP vollständig, mit all seinen Services und Dokumenten, vom Netz zu nehmen.

Die IMSLP-Webseite ist zur Zeit nicht mehr erreichbar. Nur eine temporäre IMSLP-Wiki-Seite informiert über Status, Geschichte und Perspektiven von IMSLP.
Zugriffsmöglichkeiten auf alte Seitenversionen des IMSLP bestehen mittels der WayBack Machine von Internet Archive. Aufgrund von Download-Restriktionen kann jedoch nur auf die Textseiten, nicht aber auf die Scandokumente zugegriffen werden.

Zukunftsszenarien

IMSLP wird bis mindestens Mitte 2008 offline bleiben. Zur Zeit werden Lösungen gesucht, das Projekt unter anderer Verantwortlichkeit, aber in gleicher Form weiterzuführen. Das verheissungsvollste Angebot stammt vom von Michael S. Hart, dem Gründer des Project Gutenberg Canada (PGC). Dieses will das IMSLP stellvertretend weiterbetreiben, aber nur den rechtlich unproblematischen Dokumentenbestand anbieten. Wegen Bedenken, die Datenbank in den USA zu betreiben, hat Feldmahler diese Offerte jedoch abgelehnt. Zudem will er aus grundsätzlichen Überlegungen keine Dokumente entfernen, die nach kanadischem Recht gemeinfrei sind. Ebensowenig will er IP-Filter zulassen. Faktisch verunmöglicht er dadurch pragmatische und rasche Lösungen.

Somit droht das IMSLP zu einem Präzedenz- und Vorzeigefall der Public-Domain-Community zu verkommen. Bezeichnenderweise liegen von einschlägiger Seite mehrere Hilfsangebote vor, etwa vom Gründer des GNU-Projektes Richard M. Stallman, renommierter Aktivist für freie Software und bekennender Hacker. Ein Vorschlag kommt auch von Kevin Rattai, einem streitbaren Verteidiger des Open-Source- und Public-Domain-Prinzips (vgl. http://epub.yia.ca). Den musikalisch-idealistischen Zielen des IMSLP kommen ihre ideologisch motivierte, dogmatische Lösungsansätze leider wenig zugute.

Zur Debatte steht auch ein Übernahmeangebot von Paul Fleury, der kommerzielle Download-Seiten für freigemeine Musiknoten betreibt. Kevin Rattai schwebt gar eine Holdinggesellschaft als Besitzerin von IMSLP vor. Alle Lösungen mit profitorientierten Eigentümern sind bei IMSLP-Sympathisanten indes auf entschiedene Ablehnung gestossen. Bevorzugt wird ein Betreiberkonzept unter der Ägide einer Non-Profit-Institution (vgl. IMSLP-Forum: Announcements).
Das weitere Schicksal des Repositoriums ist derzeit höchst ungewiss.

Chancen und Risiken

Im Unterschied zu kommerziellen Projekten wie GoogleBooks oder MSN Book Search steht hinter IMSLP kein privatwirtschaftliches Unternehmen, das primär seine Marktanteile auszubauen sucht und Dokumente vielleicht plötzlich nur noch kostenpflichtig anbieten könnte. IMSLP basiert auf der uneigennützigen Initiative einer Einzelperson und dem Engagement von Privatpersonen. Seine Inhalte unterliegen keinem kommerziellen Kalkül. Im Gegenzug fehlt eine solide finanzielle Basis und dadurch eine gesicherte Nachhaltigkeit.

Die Daten- und Bildqualität der IMSLP-Dokumente ist wegen unpräziser Vorgaben sehr heterogen, da etwa beim Scannen verschiedene Kompressionsverfahren zur Anwendung gelangen. Dieses Problem ist durch verbindlichere Standards leicht zu beheben. Ein zentrales Problem ist dagegen nur schwer in den Griff zu bekommen, nämlich die Gefahr von Urheberrechtsverletzungen. Die Copyright-Bestimmungen im Musikbereich sind zu kompliziert, als dass Laien die Gemeinfreiheit von Noten zuverlässig einschätzen können. (Da vermögen auch Hilfmittel wie PD Info wenig auszurichten.) Ohne rigorose Kontrolle durch einen Moderator würden in kurzer Zeit unzählige urheberrechtlich geschützte Noten hochgeladen werden. Doch selbst dann noch erweisen sich die Schutzbestimmungen wegen unterschiedlicher nationaler Regelungen als Knackpunkt.

Für konventionelle Musikverlage stellen kostenlose Anbieter gemeinfreier Noten eine ungeliebte Konkurrenz dar. Entsprechend werden sie peinlichst darauf achten, jede Verletzung ihrer Rechte einzuklagen. Auch Reprint-Verlage wie Dover, Kalmus oder Luck’s Music fühlen sich unmittelbar bedroht, ebenso die Vermittler kostenpflichtiger PDF-Downloads von Noten in der Public Domain.

Dabei ist IMSLP ein hochinteressantes und attraktives Angebot. Unter anderem macht es Musikwissenschaftlern und Musikern kaum mehr greifbare Noten verfügbar, die nur in wenigen Bibliotheken vorhanden sind. Die werkspezifischen Diskussionsseiten können wertvolles Fachwissen von Spezialisten für den eigenen Schaffens- und Interpretationsprozess liefern. Das IMSLP hat deshalb bei Bibliotheken und Bildungseinrichtungen grosses Interesse geweckt. Es wird von namhaften Unversitäts- und Hochschulbibliotheken wie dem Oberlin Conservatory of Music, California Institute of the Arts, der Manhatten School of Music, Stanford University, McGill University, University of Maryland und vielen anderen offiziell empfohlen.

Für Bibliotheken erwiese sich ein engeres Zusammengehen mit IMSLP als durchaus attraktiv. Spiesen sie Teile ihrer Bestände digital bei IMSLP ein, könnte weltweit darauf zugegriffen werden. Ihr Bestand würde ungleich häufiger benutzt als bisher. Eine direkte Verlinkung zum eigenen Bibliothekskatalog könnte allenfalls die Bekanntheitsgrad der Institution fördern und höhere Benutzerzahlen vor Ort generieren. Auf jeden Fall profitierten Bibliotheken von den Beständen anderer Institutionen, indem sie ihren Eigenbestand um deren gescanntes Medienangebot erweitern können. Nicht zuletzt böte die Online-Disponibilität alter Noten die Möglichkeit, eigene Altbestände ohne praktischen, antiquarischen oder historischen Wert abzubauen. Die Bibliotheken wandelten sich verstärkt von primären Medien- zu Informationskompetenzzentren.
Ermöglichten Bibliotheken eine kostenlose Übernahme ihrer professionellen Katalogisate (etwa via WorldCat), könnte IMSLP auch in bibliographischer Hinsicht die Anforderungen einer virtuellen Notenbibliothek erfüllen. Aber auch die Datenverlinkung mit einer Musiksektion von Open Library, worin Benutzer Eigenkatalogisate erfassen, wäre denkbar. Referenzverweise auf Wikipedia-Einträgen zu Komponisten, Musiker, Gattungen, Formen etc. erschlössen kontextuelle Bezüge. Nützlich erwiese sich zudem ein Social-Tagging-Tool, das eine nicht-formale Inhaltserschliessung mit qualitativer Charakterisierung von Werken bzw. Editionen zuliesse. Bislang ermöglicht IMSLP lediglich die Bewertung der technischen Scan-Qualität in einem Rating-Feld.

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Weblinks

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