International Music Score Library Project (IMSLP)

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Hauptseite des IMSLP (Mai 2007)

Das International Music Score Library Project (IMSLP) ist ein wiki-basiertes Vorhaben zum Aufbau einer virtuellen Spezialbibliothek für gemeinfreie Musiknoten.


Konzept und Ziele

Das IMSLP bietet Benutzern eine Wiki-Plattform zur Veröffentlichung und zum Austausch von Musikalien in der Public Domain. Es teilt die Ideale der Free Sheet Music-Bewegung, welche für die kostenlose Nutzung gemeinfreier Musikalien einsteht. Das IMSLP beruht im wesentlichen auf der Idee, dass Benutzer persönliche Notenbestände einscannen und in dieser Form der Gemeinheit zur Verfügung stellen.

Detailformular zu Scan-Dokument

In erster Linie vermittelt das IMSLP Scans alter Noteneditionen, deren Urheberrechtsschutzfrist abgelaufen ist. Zusätzlich hält es auch Notenmaterial von Komponisten bereit, die ihre Werke unter einer Creative-Commons-Lizenz kostenlos verfügbar machen wollen. Erster thematischer Schwerpunkt bildete die Bereitstellung und systematische Gliederung der vollständigen Werke Johann Sebastian Bachs in der Ausgabe der Leipziger Bach-Gesellschaft („Alte Bach-Ausgabe“). Auch das Gesamtwerk von Frédéric Chopin wurde fast vollständig aufbereitet.

Neben der eigentlichen Notendatenbank bietet das IMSLP viele Zusatzinformationen von musikwissenschaftlichem und musikpraktischem Nutzen. Strukturierte Informationsfelder enthalten werkspezifische Angaben zu Komponist, Kompositionsjahr, Jahr des Erstdrucks, Besetzung, Gattung, Form sowie Hinweise zu Textdichter, Librettist, Satzbezeichnungen etc. Auch bibliographische Daten wie Herausgeber, Impressum, Kollation, Plattennummer oder Ausgabeform der gescannten Edition sind erfasst. Werkspezifische Diskussionsseiten ermöglichen den musikalischen Gedankenaustausch. Hier finden sich kompositionsbezogene Beiträge wie Werkanalysen, Literaturhinweise, Gesangtexte, Einführungstexte für Programmhefte usw. Für die Erörterung von Themen rund um das IMSLP dient ein allgemeines Diskussionsforum.

Geschichte

Das International Music Score Library Project hat sich rasch als grösste Online-Sammlung ihrer Art etabliert. Es wurde am 16. Februar 2006 vom kanadischen Student Xiao-Guang Guo (Screenname Feldmahler) gestartet. Gehostet wird die Datenbank auf zwei Hauptservern in Kanada und einem Nebenserver in den USA. Binnen eines Jahres umfasste die Notenbank von IMSLP über 3'000 Partituren, ein Vierteljahr später bereits 5'000. Der Notenbestand wuchs täglich um rund 24 Partituren, so dass im Oktober 2007 über 8'000 Werke von mehr als tausend Komponisten in gut 15'000 Partituren angeboten werden konnten.

Am 16. Oktober 2007 sistierte der IMSLP-Gründer das Projekt abrupt, nachdem ihm der Wiener Musikverlag Universal Edition über eine kanadische Anwaltskanzlei ein Abmahnungsschreiben (Cease & Desist letter) hatte zukommen lassen. In dieser Unterlassungsanordnung forderte der Verlag unter Androhung juristischer Konsequenzen die Einhaltung nationaler Urheberrechte oder aber die Einstellung des Online-Angebots.
Universal Edition sieht sein Copyright durch mehrere IMSLP-Dokumente verletzt. Hintergrund bilden unterschiedliche Urheberrechtsregelungen in Kanada und Europa. In Kanada verfallen die Rechte von Komponisten 50 Jahre nach deren Tod, in Österreich erst 70 Jahre post mortem. Mehrfach hatten Freiwillige des IMSLP in voller Übereinstimmung mit kanadischem Recht gemeinfreie Noten von Komponisten online gestellt, welche vor mehr als 50 Jahren, aber noch keine 70 Jahre verstorben sind. Mit Verweis auf das österreichische Urheberrecht reklamiert Universal Edition nun die Wahrung seiner Rechte in Europa für Komponisten wie Bela Bartók, Arnold Schönberg oder Richard Strauss. Als mögliche Lösung hat Universal Edition den Einsatz IP-orientierter technischer Filter vorgeschlagen, um Europäern den Zugriff auf strittige Files zu verunmöglichen. Feldmahler alias Xiao-Guang Guo sieht sich mangels finanzieller Ressourcen aber ausserstande, derartige Filter zu installieren oder den Forderungen von Universal Edition auf rechtlichem Wege zu begegnen (s. Open letter). Ihm blieb nichts anderes übrig, als das IMSLP vom Netz zu nehmen.

Die IMSLP-Seiten sind zur Zeit nicht mehr erreichbar. Nur eine temporäre Wiki-Seite informiert über Status, Geschichte und Perspektiven des IMSLP. Zugriffsmöglichkeiten auf alte Seitenversionen bestehen mittels der WayBack Machine von Internet Archive. Aufgrund von Download-Restriktionen kann nur auf Textseiten, nicht aber auf die Scandokumente zugegriffen werden.

Zukunftsszenarien

IMSLP wird bis mindestens Mitte 2008 offline bleiben. Zur Zeit werden Lösungen gesucht, das Projekt unter neuer Verantwortlichkeit, aber in gleicher Form weiterzuführen. Das verheissungsvollste Angebot stammt von Michael S. Hart, dem Gründer des Project Gutenberg Canada (PGC). Dieses will das IMSLP stellvertretend auf ihren Servern weiterbetreiben, aber nur den rechtlich unproblematischen Dokumentenbestand anbieten. Feldmahler hat die Offerte wegen Bedenken, die Datenbank von den USA aus zu betreiben, jedoch abgelehnt. Zudem will er grundsätzlich keine Dokumente entfernen, die nach kanadischem Recht als gemeinfrei gelten. Ebensoheftig widersetzt er sich einem Einsatz von IP-Filtern (vgl. Antwort auf Kevin Rattais Offer to host).

Damit droht das IMSLP zu einem Präzedenz- und Musterfall für die Public-Domain-Community zu werden. Bezeichnenderweise liegen mehrere Hilfsangebote von einschlägiger Seite vor, etwa vom Gründer des GNU-Projektes Richard M. Stallman, renommierter Aktivist für freie Software und bekennender Hacker. Ein Vorschlag kommt auch von Kevin Rattai, einem streitbaren Verfechter des Open-Source- und Public-Domain-Prinzips (vgl. ePub.yia.ca). Den musikalisch-idealistischen Zielen des IMSLP kommen ihre ideologisch motivierten, oft dogmatischen Lösungsansätze nur wenig zugute.

Im Raum steht auch ein Übernahmeangebot von Paul Fleury, welcher mehrere kommerzielle Download-Seiten für gemeinfreie Musiknoten betreibt. Lösungen mit profitorientierten Eigentümern stossen bei IMSLP-Sympathisanten indes auf entschiedene Ablehnung. Bevorzugt wird ein Betreiberkonzept unter der Ägide einer Non-Profit-Institution (vgl. IMSLP-Forum: Announcements).
Das weitere Schicksal des Noten-Repositoriums ist derzeit höchst ungewiss.

Chancen und Risiken

Im Unterschied zu kommerziellen Projekten wie Google Book Search oder MSN Book Search steht hinter IMSLP kein privatwirtschaftliches Unternehmen, das primär seine Marktanteile auszubauen sucht. Das IMSLP gründet auf der uneigennützigen Initiative einer Einzelperson und dem Engagement von Privatpersonen. Seine Inhalte unterliegen keinem kommerziellen Kalkül. Dafür fehlt ihm eine solide finanzielle Basis zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit.

Die Bildqualität der IMSLP-Dokumente ist wegen unpräziser technischer Vorgaben im Bereich der Kompressionsverfahren sehr heterogen. Diesem Problem ist mit verbindlichen Standards einfach beizukommen. Eine grosse Herausforderung stellt indes das Problem von Urheberrechtsverletzungen dar. Die Copyright-Bestimmungen im Musikbereich sind zu kompliziert, als dass Laien die Gemeinfreiheit von Noten zuverlässig einschätzen könnten - trotz Hilfsmitteln wie PD Info. Ohne rigorose Kontrolle durch einen Moderator würden in kurzer Zeit unzählige geschützte Noten hochgeladen werden. Selbst bei strikter Prüfung aller neuen Dokumente machen die unterschiedlichen nationalen Urheberrechtsbestimmungen den Betrieb einer weltweit erreichbaren Notendatenbank zu einem juristisch hochkomplexen Unterfangen.
Für konventionelle Musikverlage stellen kostenlose Anbieter gemeinfreier Noten eine höchst ungeliebte Konkurrenz dar. Entsprechend achten sie peinlichst darauf, jede Rechtsverletzung einzuklagen. Auch Reprint-Verlage wie Dover, Kalmus oder Luck’s Music fühlen sich unmittelbar bedroht, ebenso die Vermittler kostenpflichtiger PDF-Downloads von Noten in der Public Domain.

Für Musiker und Musikwissenschaftler erweist sich das IMSLP als hochinteressantes und attraktives Angebot. Unter anderem macht es kaum mehr greifbare Noten verfügbar, oft sogar in verschiedenen Ausgaben. Die werkspezifischen Diskussionsseiten liefern wertvolles Fachwissen von Spezialisten. Das IMSLP hat deshalb bei Bibliotheken und Bildungseinrichtungen grosses Interesse geweckt. Es wird von namhaften Universitäts- und Hochschulbibliotheken wie dem Oberlin Conservatory of Music, California Institute of the Arts, der Manhattan School of Music, Stanford University, McGill University, University of Maryland und vielen anderen offiziell empfohlen.

Für Bibliotheken erwiese sich ein Zusammengehen mit IMSLP als durchaus attraktiv. Spiesen sie Teile ihrer Musikalien digital bei IMSLP ein, könnte weltweit darauf zugegriffen werden. Ihr Bestand würde dadurch ungleich häufiger benutzt als bisher. Eine direkte Verlinkung zum eigenen Bibliothekskatalog förderte die Bekanntheit der eigenen Institution und könnte sogar höhere Benutzerzahlen vor Ort generieren. Auf jeden Fall profitierten Bibliotheken gegenseitig von ihren hochgeladenen Musikalien im Sinne einer kostenlosen virtuellen Bestandeserweiterung. Nicht zuletzt böte die Online-Disponibilität alter Noten die Möglichkeit, unrentable Druckbestände abzubauen.
Erlaubten Bibliotheken eine kostenlose Übernahme ihrer professionellen Katalogisate (etwa via WorldCat), könnte das IMSLP auch bibliographisch die Anforderungen einer virtuellen Notenbibliothek erfüllen. Doch auch die Verlinkung mit Katalogisaten einer Musiksektion von Open Library wäre denkbar. Referenzverweise auf Wikipedia-Artikel zu Komponisten, Musiker, Gattungen, Formen etc. erschlössen kontextuelle Bezüge. Nützlich erwiese sich überdies ein Social Tagging-Tool zur nicht-formalen Inhaltserschliessung mit qualitativer Charakterisierung von Werken und Editionen. Bislang ermöglicht das IMSLP nur die Bewertung von Scan-Qualitäten.

Ähnliche Projekte und Angebote

Kostenlose Anbieter gemeinfreier Musiknoten

Kostenpflichtige Anbieter gemeinfreier Musiknoten

Kostenlose Anbieter urheberrechtlich geschützter Musiknoten

Literatur

Zur Urheberrechtsproblematik vgl. in Analogie

  • Kubis, Sebastian: „Digitalisierung von Druckwerken zur Volltextsuche im Internet: die Buchsuche von Google (‚Google Book Search’) im Konflikt mit dem Urheberrecht“, in: Zeitschrift für Urheber und Medienrecht ZUM Bd. 50 (2006), H. 5, S. 370-378.
  • Ott, Stephan: „Die Google Buchsuche, eine massive Urheberrechtsverletzung?“, in: Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht GRUR. Internat. Teil 2007, H. 7, S. 562-569.

Zum Urheberrecht für Musik in Österreich

  • Dokalik, Dietmar: Musik-Urheberrecht: österreichisches Urheberrecht für Komponisten, Musiker, Musiknutzer und Produzenten, Wien: NWV, 2007 (Recht).

Weblinks

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