Medien der Geschichte 03.03.2008

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Texte

Thesen

  • Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Medien hat dazu geführt, dass in den letzten Jahren vermehrt auch die Medialität der Geschichte ins Blickfeld der Geschichtswissenschaft geraten ist.
  • Die aktuelle Debatten über den Medienwandel in den Geisteswissenschaften werden oftmals auf die Frage „Buch oder Internet“ zugespitzt; doch die Frage sollte vielmehr lauten: Wie verändert das World Wide Web die Gutenberg-Galaxis (McLuhan) resp. das Typographeum (Giesecke) und welche Aufgabenteilung zwischen ‚alten’ und ‚neuen’ Medien könnte sich abzeichnen?
  • Der gegenwärtige Boom der Medienwissenschaft steht in einem engen Zusammenhang mit den aktuellen medialen Umbrüchen, dieser Umbruch wird aber in der Medienwissenschaft weitgehend technikzentriert beschrieben, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Momente werden ausgeblendet; Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es, den Wandel umfassender zu untersuchen und damit auch die Medien der Geschichte besser in den Blickwinkel zu kriegen.

Bericht

  • Sitzungsbericht vom 3. März 2008

Unser Seminar gliedert sich in zwei Teile: Bis Ostern werden Grundlagentexte vorgestellt, nachher wollen wir uns mit Fallbeispielen beschäftigen. Es soll hierbei nicht im Sinne eines klassischen Seminars nur um althergebrachte Textvorstellungen gehen, sondern wir wollen in erster Linie versuchen, jeweils eine Idee eines historischen medialen Themas aufzugreifen, um dieses im HistnetWiki auf mediale Weise zu präsentieren und zu dokumentieren.

Heute hat Peter Haber den ersten und zweiten Text von Fabio Crivellari vorgestellt. Die Ausgangsfrage war zunächst ganz einfach und allgemein gehalten: Wie haben die Leser die Texte verstanden und wahrgenommen? Obwohl sowohl die Autoren selbst als auch die in den Texten genannten Verfasser den meisten Lesern eher unbekannt waren, war es uns wichtig, zu fragen, aus welcher geisteswissenschaftlichen Richtung der jeweilige Autor kommt. Interessant in diesem Zusammenhang ist vor allem die Frage, ob Crivellari eher Medienwissenschaftler oder Historiker ist. Peter Haber sieht in Crivellari einen Grenzgänger, der sich zwar in einem historischen Themenfeld bewegt, aber kein klassischer Historiker ist.

Der inhaltliche Eindruck, dass die Texte sehr stark soziologisch geprägt und in gewisser Weise redundant sind, wird von Peter Haber teilweise bestätigt. Dennoch wird schnell deutlich, dass die Texte in einem klaren historischen Kontext stehen und eigentlich eher aufeinander aufbauen, auch wenn sie historische und sozialwissenschaftliche Verknüpfungen enthalten. Die historische Frage nach dem Kontext ist deshalb wichtig, weil sie uns Aufschluss darüber gibt, mit welchem Anspruch ein Text geschrieben wird. So stellen wir im Hinblick auf die zwei vorgestellten Texte fest, dass sie zwar vom selben Autor verfasst wurden, aber letztendlich einen unterschiedlichen Anspruch an das Thema haben: Während der erste Text als ausführlicher Forschungsbericht in der Zeitschrift „Historische Kulturwissenschaft“ erschienen ist, in der aktuelle Debatten geführt und die Literatur der letzten 15 Jahre verarbeitet wird, ist der zweite Text eine Einleitung zu einem Buch, das sich als erstes im deutschsprachigen Raum überhaupt mit der Medialität der Geschichte beschäftigt und den Anspruch erhebt, eine Zusammenfassung und Fokussierung des Themas mit dem Schwerpunkt der Interdisziplinarität zu geben.

Neben der Hauptaussage, dass die Gesellschaft auf den kommunikativen Kern reduziert wird, ist besonders bemerkenswert, dass es im medialen Bereich eigentlich keine akademische Disziplin gibt. Ebenso wenig hält die Medienwissenschaft einheitliche Methoden bereit, die es ermöglichen, auf dieser Grundlage zu forschen - ganz im Gegensatz zu den übrigen Geisteswissenschaften. Immerhin besetzt die Medienwissenschaft ein sehr breites Feld, das andere Bereiche in den Kultur-, Sozial- und Kommunikationswissenschaften oder anderen Geisteswissenschaften jeweils mit einschliesst.

Bei der geisteswissenschaftlichen Richtung der Medienwissenschaften stehen dabei die massenmediale Konzentrierung und deren Wirkung auf das Publikum im Fokus. Als Autoren, die eine Affinität zur Literaturwissenschaft haben, sind hier insbesondere Jürgen Habermas und Friedrich Kittler zu nennen. Im Hinblick auf den Medienumbruch (technische Dimension der Medien) und Strukturwandel, die in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren stattfanden, möchte Habermas Verständigung herstellen. Zentrale Figur bleibt aber Kittler, der direkt an Marshall McLuhan anknüpft und die Frage aufwirft, wie Wissen anhand von Schreibtechniken fixiert wird, sich wandelt und die Gesellschaft prägt. Als anschauliches Beispiel sei hier der Fotoapparat genannt, der quasi als Weiterführung des Auges fungiert und somit die Wahrnehmung nachhaltig verändert.

Die sozialwissenschaftliche Ausrichtung der Medienwissenschaft möchte mit Bezug auf McLuhan und der Systemtheorie nach Niklas Luhmann eine Abgrenzung zur Theorie von Habermas schaffen: Während bei Habermas Kommunikation auf Verständnis basiert, stellen Medien für Luhmann eine mathematisierte und formalisierte Form der Kommunikation dar. Obwohl beide Positionen heute stark historisiert sind, ist es erstaunlich, dass kaum Fachhistoriker involviert sind. Der historische Fachdiskurs nimmt seinerseits die anderen Fachrichtungen kaum wahr. Einen kulturwissenschaftlichen Ansatz beinhalten die Technikgeschichten von Werner Faulstich. Er hat ein eigenes Stufensystem erstellt und beschränkt sich in seiner Wahrnehmung der Mediengeschichte als Mentalitätsgeschichte.

Eine weitere wichtige Fragestellung im zweiten Teil des Aufsatzes ist die Frage wo Medien in Kommunikationsprozessen wirksam werden und wie sich die Medien beobachten lassen. Die Antwort ist einfach: Wirkung ist immer medial vermittelbar, wobei die Materialität der Medien sich wandelt. Insofern steht die die Medialität der Geschichte mehr im Vordergrund als die Geschichte der Medien. Dabei ist es wichtig, den Blick für die jeweiligen Erkenntnismittel zu öffnen. Um zu verstehen wie historische Erkenntnis entsteht, benötigt man relativ viel Medienkompetenz, die gleichzeitig auch neue Anforderungen an die Geschichtswissenschaft stellt. Im dritten Teil stehen die Medialität der historischen Überlieferung sowie die zentrale Frage nach der Quellenkritik im Mittelpunkt. Die Medialität wird dennoch weitestgehend ausgeblendet, wobei Fotografien eine Ausnahme darstellen. Allerdings muss man bedenken, dass Fotografen und ihre Werke oft fehlinterpretiert werden. Eric Havelock versucht der Medialität der Geschichte mit dem Abstraktionspotenzial des Alphabets näher zu kommen. Sein Ansatz ist die Gegensätzlichkeit von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Im Hinblick auf die Verfügbarkeit über das Vergangene sieht er einen deutlichen Vorteil der schriftlichen Kulturen. Diese Kulturen entwickeln auch ein reflexiveres Selbstbewusstsein. So schaffte es der Buchdruck, dass das Wort als solches anders fixiert ist als ein Manuskript. Besonders Michael Giesecke stellt fest, dass das Buch eine feste Struktur hat, die unveränderbar ist.

Der zweite Text widmet sich mehr der Zukunft, also auch neuen Forschungsprojekten. Zu beobachten ist eine Tendenz, dass sich die Geschichtswissenschaft mehr mit populären Medien auseinandersetzen soll. Neben der Frage, mit welcher Medialität Geschichte wahrgenommen wird, ist es das erklärte Ziel, eine Schnittmenge der verschiedenen Wissenschaften zu definieren. Ein zentraler Vorwurf der Medienwissenschaftler lautet dabei, dass die Geschichtswissenschaft viel zu puristisch mit den Quellen umgehe, vielmehr sollten die Historiker versuchen, die Frage der Medien in historische Konzepte fest zu integrieren, da sie bisher nur untergeordnet wahrgenommen wird.

Den Versuch, Geschichte thematisch und medial aufzuarbeiten, möchte ein einmaliges Internet-Forschungsprojekt von Wiener Studenten zuwege bringen (http://www.pastperfect.at). Der Unterschied zwischen „Hypertext“ und „normalem“ Text soll die Frage nach dem Zweck einer solchen Geschichtsschreibung aufwerfen und zum Nachdenken anregen. Möchten wir als Historiker lediglich Geschichte vermitteln, einfach Chroniken erstellen, oder wollen wir neue Erkenntnisse aus vorhandenen Materialien gewinnen? Interessant ist, dass die Website verschiedene Konzepte vorschlägt, die sich nicht von vornherein gegenseitig ausschliessen. Es geht nicht darum, einen wissenschaftlichen Anspruch zu stellen, sondern auf mediale Weise komplexe Sachverhalte für Nichthistoriker zu vermitteln. Auch hier ist die Wahrnehmung und Wirkung auf das Zielpublikum entscheidend. Es ist sozusagen die gleiche Idee, die wir in unserem Seminar im HistnetWiki ausprobieren wollen.


Zürich, den 5. März 2008, Inès De Boel